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Interview –
Geschichten aus Licht

Das Büro strahlt sachliche 80er-Jahre-Coolness aus. Die Räume breiten sich im Erdgeschoss eines Wohnhauses auf dem satis&fy-Gelände in Karben aus, in dem bis vor wenigen  Monaten noch eine sehr betagte Dame ihre letzten Lebenstage verbrachte. Sie ist friedlich eingeschlafen – zuhause, erzählt Peter. Diese Anekdote zeigt gleich zu Beginn des Interview-Termins, dass Gunther Hecker und Peter Seifert sich Gedanken über das Leben machen, insbesondere natürlich über Leben und Wirken ihrer Kunden, meist Musiker, die sie mit der Firma Cue Design betreuen. Die beiden preisgekrönten Lichtartisten wollen mit ihrer Arbeit und Kunst nicht nur dienstleisten, sie wollen Geschichten erzählen – fast wie im Theater.

Mit Licht Geschichten erzählen. Wie kommt man denn dazu?
Gunther: Ich kam ja vom Theater, war dort Beleuchter, kannte also das Material und wusste es einzusetzen. Dann habe ich in dem Zusammenhang Günter Jäckle kennen gelernt, damals schon einer der Stars unter den Lichtdesignern, mit Kunden wie Ideal, Nina Hagen und Peter Maffay. Er war quasi mein Ziehvater bis Mitte der 90er Jahre. Mit ihm habe ich meine ersten großen Dinger gemacht, Grönemeyer, Carreras, Westernhagen, Lindenberg etc. 
Peter: Es gab ja damals keinen Ausbildungsberuf. Da hieß es: „Junger Mann zum Mitreisen gesucht.“ So hat man es dann gelernt. 
Gunther: Mit Günter Jäckle habe ich bis 1998 zusammengearbeitet. Danach habe ich die Firma „Planquadrat“ in Mannheim gegründet. Da war Xavier Naidoo mit dabei. Wir haben das Booking und die technische Realisation für die Söhne Mannheims und Xavier gemacht. Es ging nicht so sehr ums Gestalten, eher um Organisation, Budgetkontrolle, das ganze Business. Gelernt habe ich viel, aber es hat mich künstlerisch und gestalterisch nicht gefordert. Deshalb war ich froh, dass nach sieben Jahren Schluss war.

Und was kam dann? 
Gunther: Ich habe ganz eigenständig nur noch Gestaltung angeboten. Damals noch auf dem Gelände von satis&fy in Werne. Da kannte ich viele aus meiner Arbeit in der Eventszene. So ist auch die gute Kooperation mit den Leuten in Karben entstanden. Und dann, Ende 2012, hat mir Nico Ubenauf angeboten, hier neben dem satis&fy-Hauptgebäude ein Büro zu beziehen.

In eigener Regie? 
Peter: Ja, zum 1. Januar 2013 ist die Firma Cue hier in diesem Haus gegründet worden. 
Gunther: Das ist für beide Seiten praktisch, heißt aber nicht, dass wir uns immer gegenseitig engagieren. Eine Kooperation liegt aber natürlich nicht nur örtlich nahe. 

Und wer ist heute Cue Design? 
Peter: Die Firma Cue = Gunther Hecker. Er ist der Künstler. Die Leute rufen ihn an, weil sie seine Ideen wollen. Die wissen genau, dass er immer etwas Besonderes liefert. Weil er radikal ist. Aber er braucht halt die Leute drum rum, die das auf die Füße stellen. 
Gunther: Die Leute buchen uns, weil wir realistisches Lichtdesign machen und es technisch auch umsetzen können, bis es wirklich in der Halle hängt. 

Kann man euch als Lichtkünstler bezeichnen?
Gunther: Wir können nicht arbeiten wie Künstler. Wir sind immer an Vorgaben und Budgets gebunden. Für Künstler ist ein Lichtdesigner ein Techniker und für Techniker ist ein Lichtdesigner ein Künstler. Tatsächlich sind wir genau mittendrin. Wir machen künstlerische Gestaltung. Es gibt Aufträge, da erfüllst du lediglich die Vorgaben. Manchmal kommen Leute, die einfach sagen: „Mach mal!“ Da ist es eher die Kunst, auszuloten, was ein solches Projekt kosten darf. 
Peter: Genau. Großartige Designs kann im Grunde jeder machen. Unsere Kunden schätzen, dass sie eine konkrete Zahl kriegen, die am Ende auch noch steht.
Gunther: Es gibt auch Kunden, die machen eine Ausschreibung. Wer das beste Preisleistungsverhältnis liefert, bekommt den Job. Vielleicht 20% davon sind Gestaltung. Das Wichtigste ist, zu wissen, was der Künstler will, wie er sich selbst sieht. Jeder hat natürlich eine andere Vorstellung.

Das alles nennt sich aber Lichtdesign?
Peter: Lichtdesigner ist eigentlich das falsche Wort. Gunther kümmert sich auch um LED-Wände, Bühnen, Podeste oder darum, wo die Kameras stehen. Ich würde das eher Showdesign nennen, das Lichtdesign alleine macht nicht mehr als ein Fünftel aus. 

Wofür benutzt ihr Kameras?
Peter: Meist für Kamera-Livebilder, die, teils verfremdet beziehungsweise bearbeitet, auf Leinwänden ausgestrahlt werden. Der Showdesigner ist auch hierfür verantwortlich. Alle Inhalte stammen von uns. Wir programmieren und bearbeiten alles inhouse. 

Schildert doch mal, wie so ein Auftrag abläuft!
Peter: Daniel Wirtz zum Beispiel. Der war in diesem Sommer Vorband bei Xavier Naidoo. So haben wir ihn kennen gelernt. Er fragte, ob wir uns auch für seine Tour das Design ausdenken könnten. Wir haben uns was ausgedacht, es gerendert, gerechnet und berechnet, was finanziell geht. Daniel kam hier vorbei und wir haben ihm das Rendering vorgestellt. Es ging dann drei, vier Wochen hin und her. Schließlich haben wir es mit wenigen Änderungen auch so realisiert. Und dann sind wir auf Tour gefahren.

Wie läuft im Allgemeinen die Koop mit dem Künstler?
Gunther: Das Wichtigste ist, zu wissen, was der Künstler will, wie er sich selbst sieht. Jeder hat natürlich eine andere Vorstellung. Beispiel: Für 40 Jahre BAP musst du was anderes machen als für Fanta4. 

Und wie kommen euch die Ideen? 
Peter: Das ist immer anders. Gunther fallen oft Dinge ein, wenn er Auto fährt, mir eher kurz vor dem Einschlafen. Bei Daniel zum Beispiel haben wir uns erst einmal die Hallen angeschaut, auch die kleinen Clubs, wo er herkommt, was er für einen Stil hat. Dann überlegt man erst. Das ist eine Art Prozess, der manchmal fast unbewusst abläuft. 

Und wenn was nicht geht?
Peter: Bei Gunther darf man nie sagen: „Geht nicht!“ 
Gunther: Neulich haben wir eine Lampe bauen lassen, weil es das nicht gab, was dem Design entsprochen hätte. Da mussten wir erstmal einen finden, der uns das macht, und trotzdem die Finanzierung im Rahmen halten. 
Peter: Das Beispiel zeigt, dass man für die Umsetzung der kreativen Prozesse auch technisch ein gutes Verständnis haben muss.

Was ist eigentlich eine gute Idee?
Gunther: Auf keinen Fall wollen wir Klischees bedienen. Das Entscheidende ist, wenn dich das Ding emotional abholt. Da reichen manchmal drei, vier Bilder. Und der Künstler muss sich darin genau wiederfinden. 

Klingt wie eine Art Dramaturgie?
Gunther: Am besten du hast vier Momente, wenn du eine Show gestaltest. Das erste Bild ist entscheidend, die Ouvertüre, ein Bild das gut ist, aber nicht so gut, dass du schon alles Pulver verschossen hast. Etwa in der Mitte der Show musst du wieder etwas Besonderes bringen. Und gegen Ende musst du ein Bild setzen, mit dem die Zuschauer absolut nicht rechnen, das haften bleibt. Wenn du es schaffst, zur Zugabe noch einen draufzusetzen, hast du es gut gemacht. 

Ihr seid schon sehr lange im Geschäft, steht ihr trotzdem noch unter Strom?
Gunther: Wir sind schon richtig bescheuert, was das betrifft. Wir geben sogar unseren Gewinn manchmal für den Effekt her. Aber wenn du nicht idealistisch denkst in diesem Job, dann fragst du dich nach dem zweiten Tag: Was mache ich eigentlich hier? Trotzdem: du musst schon kapieren, dass das alles nicht nur ein großer Spaß, sondern ein hartes Geschäft ist.
Peter: Du musst halt besser sein als die anderen, wenn du dran bleiben willst. Du kannst also nicht nur den Job machen, du musst über den Tellerrand gucken, dann findest du Nischen, sonst bleibst du nur einer von vielen. Und vor allem musst du eine Persönlichkeit mit einbringen, Sicherheit in deiner Haltung, Überzeugungskraft. Nur so haben Leute wie Herbert Grönemeyer auch Vertrauen zu dir. Der muss sich zu 100% auf dich verlassen können. Gut, wenn die Kumpels oder die Kritiker sagen, das ist okay, was du machst, aber letztlich zählt die Meinung des Künstlers. 

Und jahrelange Erfahrung.
Peter: Ich habe ´99 bei PUR den Techniker gemacht und zehn Jahre später das Design beim Nürburgring. Dazwischen lag viel, viel Erfahrung, kleinste Clubs, nicht nur die großen Namen. 
Gunther: Im Lauf der Jahre passieren eben genau die Sachen, aus denen du lernst, die Erfahrung ziehst, seien es Stromausfall, Technikprobleme oder Wetterchaos. Du wirst einfach gelassener, was dazu beiträgt, immer das noch Bessere rauszuholen. Das weiß auch die Band, sie ist uns ja ausgeliefert. Die können nur sagen: „Ey, die machen das schon!“ Außerdem kannst du dich nicht gegen alles absichern.

Und die Zukunft?
Peter: Wir dürfen uns auch in Zukunft trotz aller Erfahrungen nie überschätzen. Immer auf dem Boden bleiben. Und trotzdem Idealist sein. Denn im Endeffekt interessieren sich die Zuschauer für den Künstler. Wir sind ein gutes Beiwerk, sodass alles zusammen eine gute Show ergibt. Wenn der Künstler gut ist, ist auch die Show gut und wenn der Künstler versagt, versagt auch das beste Bühnendesign.

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